Pfingstsonntag – Die Rheinwoche geht weiter und es geschehen seltsame Dinge. Morgens um halb acht weht es schon wieder von Westen, das Frühstück nimmt langsam Formen an und der Regattachef sitzt in eine wärmende Decke eingewickelt vor einer Tasse Tee und seufzt: „Ich hätt’ jetzt Lust auf ein No Wind-Programm“…
„Never change a running system“
Im Gegensatz zum sonstigen Wanderzirkus hatte die diesjährige „stationäre“ Rheinwoche sicher nicht weniger spektakulär begonnen, als die letztjährige Etappenfahrt unter seinerzeit ebenfalls wilden Bedingungen (damals waren es die Strömung und der Wasserstand). „Wir haben überlegt, ob uns etwas Spannenderes einfällt als am Vortag. Eingefallen ist uns nichts!“, so der Uli Rosskopf bei der Steuermannsbesprechung Nummer zwo. Von daher stand exakt das gleiche Program an: Vormittags Rundenfahrten auf Kurs eins und eine Talfahrt auf Kurs zwei, nachmittags für alle eine gemeinsame Langfahrt zu Tal und zurück nach Walluf. Letztere würde dann auch als zweite Wertungsfahrt für die begehrten „Blauen Bänder“ der Rheinwoche dienen, auch wenn uns heute noch einige dazu mit Fragen löchern, weil sie in der Steuermannsbesprechung nicht aufgepasst haben. Ist halt wie in der Schule: Wer ständig mit dem Nachbarn quatscht, weiss in der Prüfung eben nicht das Richtige. Vor allem, da die Prüfung diesmal unter verschärften Bedingungen stattfand. Der Wind hatte nämlich entschieden, dass bis zum Limit noch etwas Luft nach oben war — und dies plante der gestrenge Prüfer gnadenlos auszunutzen.
„It’s a wild world“
Auf dem Rhein hatte sich über die lange freie Strecke von Westen her eine formidable Welle aufgebaut. Vor dem Budenheimer Ufer war es am verrücktesten, was für die „Blue Lady“ als Startschiff der Talfahrt eine echte Herausforderung darstellte, war doch die zuvor ausgelegte Festmachertonne kaum zu fassen. Doch Skipper Bernd hatte seine Dame gut im Griff, entschied dann kurzerhand und weitblickend, lieber sicherer am Uferponton festzumachen. Hier hatten dann die SCR-Ladies Sandra, Karina und Katrin sowohl die Startflaggen als auch Wettfahrtleiter Rolf fest im Griff.
Und auch im Starterfeld schlich sich sich langsam Übung ein. Schließlich galt es in der Vorstartphase erneut, den anderen Booten die dort „aktiv herumlungerten“ gut auszuweichen, aber immerhin war von den Frachtern wenig zu sehen. Bei noch mehr Böen als am Vortag war deren Erholung am Pfingstsonntag ein Geschenk für die Regattasegler. Viele hatten sicherheitshalber stark gerefft, was vielleicht die eine oder andere Position kosten würde, aber die Kräfte von Natur und Technik leichter beherrschbar machte. Es gab aber auch nicht wenige, die gleich auf einen oder beide Läufe verzichteten — auch das eine respektable Entscheidung. Bei aller Freude am Wettkampf, verantwortungsvolle Schiffsführung geht immer vor. Hut ab vor beiden Gruppen!
Bei Starkwind hart an der Grenze zu Windstärke 6 startete erneut die wilde Hatz zu Tal, bzw. auf dem anderen Kurs rund um die beiden gelben Tonnen… äh… nein… hier musste improvisiert werden: Hatte doch ein Frachter am Vortag zielgerichtet seinen Kurs geändert, um mit seinem Versenken der am Fahrwasserrand (!) weithin sichtbaren Bahnmarke seiner tiefen Freude über die Regatta Ausdruck zu verleihen. Zum Glück konnten wir die Tonne mit etwas Kleinerem organgefarbenen ersetzen, was auch schwimmt. Aber auch im Seglerfeld gibt es ja immer mal wieder den einen oder anderen Spaßvogel („Ich schwöre; da waren noch 60 cm Luft“), oder auch Pechvogel („Sorry, hab Dich nicht gesehen!“). Trotzdem: 99,9 % aller Segler hatten Fortune, Können und fairen Sportgeist — und alles andere wurde abends bei einem großen Glas Rheingauer Riesling geregelt. Überhaupt, es gab für die herrschenden Bedingungen erstaunlich wenig Vorkommnisse und fast nichts, was man nicht wieder richten könnte.
Wenngleich das Zielschiff „Stefanie“ von Inge Fischer noch ein wenig Freude mit der heimischen Tierwelt hatte. Eine Shark hatte sich beim engen Zieldurchlauf am Sonntagvormittag kräftig verschätzt, war spektakulär mit dem Kiel im Anker des Motorboots hängengeblieben und hatte an dessen schicker blauer Bordwand einen kräftigen unschönen Haifischbiss hinterlassen. Na gut, das war einer von der falschen Rheinseite (sorry ihr Meinzer), aber mit vereinten Kräften und der Hilfe des „fliegende Rossi“, der mit wehendem Bart und festem Blick auf „Cheedo“ herbeieilte, konnte das Malheur entwirrt werden. Bemerkenswert, wie währenddessen Petra Büsing und Andreas Jordan cool und ungerührt am Achterdeck weiter Zeiten nahmen und den Pulk um die Schleppleine dirigierten. Auch am östlichen Ziel lief unter Jana und Holgers Assistenz für Timo alles glatt.
„Warum ist es am Rhein so schön…?“
…weil da die wilden Winde wehn! — Am Sonntagnachmittag zeigte der Wind noch einmal alles, was er am Rhein so drauf hat. Inklusive fiese Richtungsänderungen und täuschenden Flautenansätzen unter Land (mit 3 km/h weniger, aber nicht überall). Weitere Reffs wurden eingebunden und nach dem Start stampften die Boote heftig durch die Welle. Noch einmal Schräglage total, zum Genießen und an den Schoten ziehen bis die Arme nachgaben. In der kurzzeitigen Entspannung an der Wendetonne zwischen Mariannenaue und Königsklinger Aue war es gerade ruhig genug, um bunte Vorwindsegel zu setzen, mit denen die Schnellen zurück ins Ziel flogen, während die minimal Langsameren in den Genuss erster Grenzbereiche kamen. An dem Punkt nahmen dann einige ihre Spinnaker wieder weg, nur manch ein Sharkie setzt da bekanntlich gerne nochmal die Schoten durch.
Und als die letzten Schiffe gerade hinter der Ziellinie dabei waren, die Segel zu bergen, war das Limit dann doch noch kurzzeitig überschritten. (Fast) perfektes Timing. Die Front raste heran und brach brutal und nass über Walluf herein. Den abendlichen Erzählungen am Weintresen zufolge waren es natürlich dann Windstärke 10-12, aber die Wahrheit liegt leicht darunter. Heldentaten wurden ausgetauscht, letzte Wegerecht-Dispute mit dem Weinglas in der Hand beerdigt und dort, wo es etwas Ernsteres zu regeln gab… na, Segler tun das ja meist sehr Gentleman-like.
„We are the champions…!“
Gespielt wurde dieser Song am Abschlussabend zwar nicht, aber so fühlen durften sich alle. Schließlich hatten sie bei den Rheingauer Windfestspielen viel geleistet. Zunächst mussten jedoch im ersten Stock des Clubhauses einige Einstein-Enkel mit höherer Quantenmathematik die diesmal etwas komplexere Yardstick-Akrobatik durchführen. Schliesslich galt es, die verschiedenen Startgruppen und Wettfahrttypen auseinander zu sortieren und dabei die Tücken von manage2sail zu umschiffen, wie einst die Rheinkapitäne vor Fräulein Loreleys Felsen. Gerne hätten wir für diese Leistung Sonderpreise vergeben, aber Uli Rosskopf drängelte schon von der Bühne. Gewohnt launig moderierte er durch die verschiedenen Startgruppen, Bootsklassen und Wertungen.
Das blaue Band gewannen am Ende Jörg Fleischer, Jesper Fleischer und Ralf Höhler vom SCR in ihrer VXone „halbtrocken“. Das blassblaue Band ging auch noch an das Trio, was in der Kombination ungewöhnlich ist, aber nicht unmöglich. Immerhin sind hier ehemalige Nationalkader-Segler der Clubjugend an Bord und die Ausbildung des SCR wurde ja schon mehrfach ausgezeichnet. Es zeigt sich aber auch, dass in dem schönen aber zuweilen tückischen Rheingauer Flussabschnitt Revierkenntnis besonders wertvoll sein kann..
Wie immer gab es viel Stoff zur Diskussionen, aber es war ausreichend Riesling vorhanden um die meisten offenen Fragen noch bis in die Nacht hinein zu diskutieren. Währenddessen war der Sturm verzogen, der Himmel wieder klarer und der Vollmond leuchtete milde über der Wallufer Bucht…
(P.S.: Eine tolle Auswahl an Bildern gibt es hier. Weitere folgen demnächst auf unserer Website.)