Am 11.10.1900 um 20:30 Uhr, so vermelden ist die Chronisten, wurde der Segelclub Rheingau e.V. gegründet. Wer dabei war wird sich noch erinnern, als sei es erst gestern gewesen: Der Himmel erhellte sich über dem Rheingau, die Engel sangen und die Welt stand atemlos still und blickte gebannt an das Ufer des Flusses, dorthin, wo der Fluss am breitesten ist, die Strömung am sanftesten fliesst und tollkühne Recken in ihren segelnden Kisten im Namen von Westwind und Flusswasser das hochheilige Rheinsegeln für die Nachwelt etablierten… — Genau so und nicht anders muss es gewesen sein!
Gelegenheit genug, um genau 125 Jahre später, am 11.10.2025 zu gleicher Stunde mit großer Festgesellschaft das Jubiläum des Clubs zu begehen. Und wie man könnte man das als Segler besser tun, als auf dem Wasser. Diesmal allerdings nicht auf eigenem Kiel, sondern mit der MS RheinDream, welche die Rössler-Linie freundlich zur Verfügung gestellt hatte (Danke!). Schon am Nachmittag setzte sich (nach erster Stärkung mit Kaffee und Kuchen ein erster Tross vom Clubhaus westwärts in Bewegung. Eigentlich war ja geplant, das Partyschiff direkt am Passagieranleger in Walluf zu besteigen, aber der Steg wollte nicht so recht. Und am Clubsteg war es für das Fahrgastschiff unwesentlich zu eng. Also ging es zu Fuß zum Anleger nach Eltville, wo bereits eine zweite Gruppe wartete (Nicht jeder wollte schliesslich mit schickem Zwirn und kompliziertem Schuhwerk den Leinpfad entlang wandern.)
In Summe hatten sich 125 Segler und Gäste eingefunden, unklar blieb nur, warum von den Gründungsmitgliedern niemand anwesend war. (Wahrscheinlich standen die noch mit dem Tampen in der Hand stromabwärts und warten auf das nächste Dampfschiff für den Schlepp zu Berg.) Aber auch so war es voll an Bord und musikalisch begleitet von Siegfried Roletter legte die Rheindream ab und drehte zügig talwärts. Ein prickelnder Rheingauer Tropfen, sowie Brezel und Spundkäs stimmten auf den Abend ein. Gut wenn man etwas im Bauch hat, bevor die Festreden starten. Aber wenn so viele Leute Gutes über einen sagen wollen, kann man sie nur schwer daran hindern. Zum Glück war das Programm kurzweilig und Uli Rosskopf moderierte mit viel Charme und noch mehr Humor durch den Abend.
Zur Eröffnung blickte Bürgermeister Nikolaos Stavridis im Namen der Gemeinde Walluf zunächst auf die Historie des Clubs zurück, stellte die Bedeutung des SCR für das Gemeinschaftsleben im Ort heraus und würdigte die Segler des SCR als „Sportliche Botschafter der Region“. Die jüngsten Erfolge von Peter Karrié (Melges 24 Weltmeister), Andreas Maurer (Deutscher Meister im, Franz Schollmayer und Falko Braun (Sieger im Vegvisir Race) und der fulminante Einstieg (und inzwischen vorzeitig gesicherte Klassenerhalt) des Clubteams in der Segel-Bundesliga zeugen vom Rheingauer Sports- und Teamgeist, so Stavridis.
Der SCR Vorsitzende Alexander Cross schloss sich an und spann noch einmal den Bogen von den Anfängen auf Holzbooten und für Kaiser Wilhelm ausgerichteten Regatten bis zu den jüngsten Entwicklungen des aktuellen Jahrhunderts. „Wir sind kein Traditionsverein, sondern ein dynamischer Verein mit Tradition“, so Cross. Zwar trage der SCR als Pionier die Mitgliedsnummer H001 des Hessischen Seglerverbands, aber sei seit jeher fortschrittlich. Nicht erster sein, sondern immer wieder erster werden wollen sei die Devise. Nicht vergangene Errungenschaften, sondern Handeln im Hier und Jetzt: „Es zählt wer anpackt!“
Draußen zog derweil die heimatliche Rheingauer Abendkulisse an den Bordfenstern vorbei. Bis Rüdesheim ging es zwar nicht (die RheinDream hatte am Oestricher Kran gewendet), aber mit Horst und Birgit Fluhrer waren echte „Rüdesheimer Unterstromer“ an Bord. Sie konnten berichten, wie Wallufer Segler die Segelanfänge in Rüdesheim inspiriert hatten und konnten aus eigener Erfahrung („vom Paddler mit Segeln zur Segelkarriere“) einen Außenblick auf den Club beisteuern. Da durften Erlebnisse mit alten „SCR-Ahnen“ nicht fehlen, ebenso wie von der gemeinsam verantworteten Mittelrheinwoche (dem Vorläufer der heutigen „Fun-Regatta“) oder dem Inklusiven Segeln. „Ihr redet nicht, Ihr macht einfach“, lobte Birgit Fluhrer die Experimentierfreudigkeit und neuen Formate des SCR, nicht ohne ein wenig Neid auf das obertromige Revier zu bekunden. Ihre Begeisterung, im SCR sei es für Rheinsegler immer wie ein Familientreffen gipfelte im Kompliment „Was die Rheingauer Mönche für den Weinbau waren, ist der SCR für den Segelsport.“ Wenn sie das sagt, wird’s wohl so sein…
Bei soviel Lob und warmen Worten hätte man glatt das Buffet vergessen können, das zwischenzeitlich im Innenraum aufgebaut worden war. Doch der Hunger musste noch etwas eingehegt werden, denn vorher gab’s noch was auf die Ohren. Rainer Heute, passionierter Profimusiker und Segler führte mit viel Ironie durch Musik aus 125 Jahren. Von der Rheinfahrt aus Wagners Götterdammerung, über das Gorch-Fock-Lied bis zum modernen „Flieg Boris, flieg“ (als Hymne an den gleichnamigen Vendée Globe-Segler) reichte der Mix, und bei „Heidewitzka Herr Kapitän“ wurde fleissig mitgesungen (ob das die Gründungsmitglieder waren?).
Der erste Teil des Festprogramms war damit vorbei, jetzt war erst mal Essen angesagt und die Kombüse des Schiffes hatte Leckeres aus Wasser und Land aufgetragen. Genug Zeit und Gelegenheit, das Gehörte nochmal Revue passieren zu lassen, während man sich zum dritten Male vor den Schüsseln anstellte und sich am Horizont bereits Walluf näherte. Dort sah es irgendwie anders aus… War am Club inzwischen etwas passiert? Rötlich flackerndes Licht. Brennt es?
Auf die Sekunde genau 125 Jahre, nachdem einst das Gründungsdokument unterzeichnet war, stoppte die RheinDream wasserseitig vor dem Clubgelände auf. Der Himmel tat sich auf und helles Licht flutete über de… — Nein echt jetzt, wir haben wirklich nicht zu viel Riesling getrunken: Während das letzte Tageslicht hinter den Taunushängen versank, waren Clubhaus, Steg und Gelände in ein stimmungsvolles Farbenspiel getaucht. Als Überraschung und Highlight des Abends, von langer Hand heimlich geplant und von Joachim „Jobo“ Jakob und der Crew von Jakob Veranstaltungstechnik aufs Vortrefflichste umgesetzt (Danke!).
Wer jetzt noch unter Deck vor seinem Teller saß, musste raus. Auch wenn es im dünnen Partyhemd auf dem Oberdeck mächtig frisch war. Egal, diesen Anblick gibt es nur einmal in 125 Jahren! Ein Moment zum Genießen. Ob sich die Herren anno 1900 hätten erträumen lassen, wie ihr Baby mit jetzt jugendlichen eineinviertelhundert Jahren strahlt? Wie schön!
Passend zur „erleuchteten“ Stimmung erleuchtete, dann (wieder unter Deck) noch Pfarrerin Bettina Friehmelt von der evangelischen Gemeinde Walluf die Herzen. Sie konnte berichten, dass bei mancher Tauffeier die Segel auf dem Rhein das Fotomotiv im Hintergrund gebildet hatten. Und wie Gemeinsamkeit und Engagement christliche Werte widerspiegelten. Aus dem Slogan des SCR „Wir sind Segeln“ machte sie kurzerhand „Wir sind Segen“.
Ein Segen waren dann auch die nächsten Programmteile verschiedener Clubmitglieder, die sich nun in schneller Folge aneinander reihten. Renate Quermann dankte Alexander Cross und Uli Rosskopf für Ihren Einsatz bei der Rheinwoche (und ihren Familien für die Geduld!) mit einem Fotobuch aus Highlights der Veranstaltung. Anschließend war Klaus Mehl an der Reihe, der mit Hilfe von Familie Roos (deren benachbarte ehemalige Bootswerft mit dem Club viel gemeinsame Geschichte teilt) ein altes Paddel aufgetan und selbst aufbereitet hatte („Nur zwei Dutzend Lagen Lack…“). Auf diesem konnten sich die Anwesenden verewigen, bevor es demnächst im Clubhaus hängen und für die nächsten 125 Jahre an die heutige Generation erinnern soll.
Danach kam das Team „Festschrift“ auf die Bühne, das in mühevoller (und manchmal detektivischer) Redaktionsarbeit seit Jahresbeginn die letzten 25 Jahre des Clublebens textlich und bilderreich aufbereitet und gedruckt hatte. Eine schöne (und mindestens ebenso dicke) Fortsetzung der Festschrift, die im Jahre 2000 zum 100. Clubgeburtstag erschienen war. Diese Publikation kann ab sofort erworben werden (mehr infos in Kürze hier auf der Homepage, sowie im Newsletter für Mitglieder).
Passend zum Gedruckten gab es noch etwas „Gemaltes“ — Michael Apitz gebürtiger Nieder(!)wallufer und durch seine „Karl“-Regionalcomics bekannt, hatte aus mehreren Skizzen der Wallufer Buch ein Bild geschaffen, die das Ambiente am Clubgelände künstlerisch darstellt. Erworben von Clubmitglied Michael Mollenhauer wird es demnächst als Dauerleihgabe im Clubhaus einen Platz finden. Den offiziellen Programmteil schloss dann „Rheingauprinzessin“ Tanja Wehrle, die aus journalistischer Sicht darlegte, dass der Rhein nicht allein Wasser, sondern Bühne, Geschichtenerzähler und Heimat in einem ist. Und konstatierte, dass — obwohl Vereinsarbeit manchmal wie “Segeln gegen den Wind“ sei — das Vereinsherz kräftig schlägt!
Die Rheindream hatte inzwischen die Schleife über Mainz beendet und stoppte zum zweiten Mal an diesem Abend die Maschine vor dem Clubhaus und „schwebte“ in der dunklen Strömung nahe am Leitwerk auf der Stelle (Da beherrscht jemand auf der Brücke sein Handwerk!). Für die Feiernden noch einmal Gelegenheit, die Illumination für einige Minuten zu genießen und fotografisch zu verewigen.
Bei Musik und Tanz ging es danach leider viel zu schnell, bis alle Leinen in Eltville wieder fest waren. Die ganz Tapferen liefen schließlich mit Fackeln am dunklen Ufer zurück zum Clubhaus (Absacker!). Und der Weg dorthin war sicher nicht leichter als der Hinweg. Man kennt das ja vom Segeln, rheinabwärts geht es immer leichter als bergwärts zurück. Vor allem wenn man etwas “Gegenströmung” hat…
— Was bleibt? Die Erinnerung an einen unvergesslichen Abend, die Gewissheit, dass der Segelclub Rheingau auch nach 125 Jahren putzmunter vor Energie sprüht, sowie die Hoffnung auf weitere 125 Segeljahre im heimatlichen Revier (und weit darüber hinaus!). Und zum 250 Geburtstag holen wir dann endlich auch mal Anita nach Walluf. Versprochen!