Dicker orangefarbener Rauch, Blaulicht und gleich mehrere Boote im Rettungseinsatz in der Wallufer Bucht: Zwei gerettete Jugendliche und ein großes Seglerfest bestimmten die diesjährige Herbstregatta in Walluf. Und daran war vor allem der Rheingauer Westwind schuld… 

Ein wahrer Massenstart

Nach der Begrüßung um 11:00 Uhr durch Alex Cross, den 1. Vorsitzenden des SCR (diesmal mit Unterstützung durch Günter Probst vom Hessischer Segler-Verband) ging es wie jedes Jahr zur Mittagszeit aufs Wasser. Windstärken von 3 Bft. an aufwärts hatte es bereits die ganze Woche gegeben — allerdings nur exakt VOR und NACH dem Regattawochenende. Am Samstag selbst war stattdessen „Windstärke Null aus allen Richtungen“ vorhergesagt, der schlaffe Windsack am Stegkopf bestätigte, dass die Metereologen dieses eine Mal leider nicht irrten. Der Westwind war gerade eingeschlafen und der folgende Ostwind gerade noch nicht aufgewacht. 

Somit wurden alle geplanten Wettfahrten abgesagt und das vorbereitete Alternativ-Programm gestartet. Die Crews von insgesamt 25 gemeldeten Booten brachen auf mehreren traditionellen Motorbooten, sowie den Begleitbooten des SCR zu einer zweistündigen Rundfahrt von Walluf rund um die Mariannenaue auf. Die Gäste an Bord der MY „Zeerob“ von Familie Mehl und  der MY „Midsommar“ von Familie Dersch (danke an beide!) genossen prickelnden Rheinsecco von der Aue, kühlen Riesling und frische Brezeln. Und irgendwo tauchte auch noch selbst gebackener Kuchen auf...

Ein großartiges Alternativprogramm

Ab 14:00 Uhr gab es Gelegenheit zu Schnupperfahrten mit der in diesem Jahr runderneuerten Service-Flotte des SCR: Dem im Frühjahr in Dienst gestellten Begleit-, Rettungs- und Allzweckboot  „WHALY 435“, sowie dem an Regattatag erst angekommenen neuen Schlauchboots, das den im Sommer ausgelutschten „Lutscher“ ersetzt.* Die ersten Stimmen sagen, es sähe einer beliebten blauen Spielzeugfigur nicht unähnlich…

Außerdem stand ein rasanter Jetski zum Test parat, den Patrick Preussler von JetXperformance freundlicherweise für einen Tag zur Verfügung gestellt hatte. Das Testergebnis: Ja, er ist wirklich schneller als ein Segelboot im Regattatrimm. Aber nur ganz minimal. Wenn der Segler unkonzentriert ist.

Eine spektakuläre Rettungsaktion

Zwei Jugendliche des SCR in einer Teeny-Jolle wagten sich kurz darauf auch noch auf das Wasser und kenterten prompt direkt vor dem Clubhaus. Als sicherheitsbewusste Segler hatten sie zum Glück automatische Rettungswesten angelegt. Die auf der Jolle mitgeführte Rettungsinsel (vorsorglich für 6 Personen ausgelegt) wurde aufgeblasen und … — Spätestens hier sollten dem erfahrenen Segelfreund jedoch deutliche Fragezeichen in den Augen stehen. Eine Rettungsinsel auf einer Jolle?

Na gut, wir geben es zu: All das war vorab geplant! Vor den Augen von einigen dutzend Zuschauern am Ufer spielte sich als Teil des „No Wind“-Alternativprogramms eine „reale Übung“ ab. Nicht ohne ihre ganz eigenen überraschenden Wendungen…

Zunächst war es gar nicht so einfach, die Jolle ohne Wind zum Kentern zu bringen. Auch das Einsteigen aus dem Wasser in eine Rettungsinsel ist weniger einfach als gedacht, insbesondere wenn eine aufgeblasene Rettungsweste die Beweglichkeit einschränkt. Kurz darauf waren die mitgeführten Notfall-Signalraketen gezündet und dicker orangefarbener Rauch alarmierte die Retter und an Land, die dies mit einer weiteren Signalfackel bestätigten. (Hierfür hatte es übrigens einer Genehmigung der Rettungsleitstelle bedurft, denn schließlich hätte jeder nicht eingeweihte Passant dies als echten Notfall melden können.)

Umgehend rückte die Freiwillige Feuerwehr Walluf, unter Leitung von Wehrführer Sebastian Feiler aus, um ihr Können zu demonstrieren. Unter Blaulicht erreichte sie die vermeintlich gekenterte Segeljolle, nahm die beiden Segler von der Rettungsinsel an Bord des Mehrzweck-Rettungsbootes „Nepomuk“ und brachte sie – unter großem Applaus der Zuschauer – sicher und unversehrt an Land. Nicht ohne dabei selbst noch kurz Assistenz zu benötigen, es hatte sich nämlich die Leine der korrekterweise noch mit dem Unfallboot verbundenen Rettungsinsel im Propeller der Nepomuk verfangen. „Whaly“ kam zu Hilfe und hatte dann auch gleich selbst noch die Leine im Propeller. So kann es in der Realität gehen. (Man wünscht sich an dieser Stelle nicht, all dies bei echtem Wind und Wellengang auf dem Meer erleben zu müssen. Aber immerhin hatten die seit Jahren nicht mehr gewarteten und lange außer Dienst gestellten Rettungsmittel noch tadellos ausgelöst!) 

Schließlich blieb noch die Frage: Wie kommt denn nun die gekenterte Jolle wieder an Land? Schon das Aufrichten des mit der Mastpitze im schlammigeren Grund steckenden Boots bereitete einige Mühe. Und das Zurücksteuern einer Teeny-Jolle an Land ist für einen bereits dem persönlichen Teeny-Body entwachsenen Erwachsenen ein großer Spaß, wenn er dabei sich nicht voll bekleidet flach in den komplett vollgelaufenen Mini-Teeny-Rumpf legen will und der Itsy-Bitzsy-Teeny-Mini-Baum ständig auf Höhe des eigenen Hüftknochens einschlägt. Der Autor dieser Zeilen weiß wovon er spricht… (Soviel zum Thema “Segel doch!”)

Regattasieger und ein langer Abend

Wenn schon nicht gesegelt wurde, dann musste der Regattasieger eben anderweitig bestimmt werden. In diesem Fall durch Armbrustschießen und Fische fangen. (Wobei Waffen und Beute machen  ja auch “traditionelle” Betätigungen an Bord von Segelschiffen waren!) Natürlich war es Ehrensache, daß die Auswertung dessen auch in diesem Fall mit höherer Mathematik und Yardstick-Voodoo geschah. Im Beisein des Wallufer Bürgermeisters Nikolaos Stavridis würden schließlich die Preise (v.A. in Form von Rheingauer Naturalien und den dazugehörigen SCR-Gläsern) an die glücklichen Sieger verliehen, bevor das Abendprogramm den nächsten Höhepunkt des Tages einläutete. 

Mit Live Musik des Rheingauer-Soul-Sänger Dominick Thomas, der gleich seinen ganzen Fanclub mitbrachte und zahlreiche weitere Gäste anlockte, startete anschließend der Feiermodus. Und der SCR bewies: Wir können Party! Am Ende waren es wohl um die 200 Gäste die bis gegen Mitternacht auf der SCR-Terasse tanzten und sangen. Während dessen sorgte wieder Familie Zahn vom „Rheinsegler“ für das leibliche Wohl. An dieser Stelle auch an sie ein großer Dank für den Kraftakt, den unerwartet großen Andrang zu meistern.

Westwind, merkst Du was? 

Wenn Du nicht da bist, dann gibt es Dramen auf dem Wasser bis die Feuerwehr kommt und anschließend drehen die Segler vor dem Clubhaus die ganze Nacht lang durch! Also denk frühzeitig an unsere Regattatermine für das kommende Jahr. Gibt es hier auf der Website, nachdem mit der Einhandregatta die SCR-Regattasaison 2023 am 7.10. endet. (Hier treffen sich Segler die es ALLEINE meistern wollen, eine ca. 2–3-stündige Wettfahrt zwischen Wiesbaden und Eltville zu segeln.)

Wir wäre’s wenn du, lieber Wind schon mal von Westen (!) her Anlauf nimmst…?

 

(* P.S. Wir versprechen hoch und heilig: Das war garantiert der letzte ausgelutschte Scherz zum ausgelutschten „Lutscher“.)