Pfingstsamstag startet traditionell die Rheinwoche — diesmal mit 100 Booten, 350 Seglern und Begleitern, sowie der Gewissheit, das alle Schwachwind-Überlegungen des vergangenen Jahres völlig überflüssig waren. Das galt dann leider (oder glücklicherweise) auch für das mühsam vorbereitete No-Wind-Alternativprogramm…
Wo ist der Kaffee und warum ist es so hell…?
Müde streckt der Rheinsegler seinen schweren Kopf aus der Koje, der Regattaheiligabend muss lang gewesen sein. Nach dem Gewitterguss von gestern glänzt das Wasser in der Wallufer Bucht nun friedlich und spiegelglatt, ein Schwanenpaar gleitet lautlos vorbei — sieht gerade nicht so aus, als ob man heute segeln kann. Wie sehr man sich doch täuschen wird. Doch zunächst einmal gibt es von fleißigen SCR-Helfern in blauen Shirts heißen Kaffee und belegte Brote, daneben duftet es schon lecker vom Crêpe-Stand herüber. Langsam kommen die müden Geister in Schwung und auch der Windgott muss jetzt reichlich vom Kaffee genommen haben: Es frischt merklich auf.
Bei der Steuermannsbesprechung ging es dann auch gleich ums Wetter. Regatta-Chef Uli Rosskopf und die beiden Wettfahrtleiter Rolf Weber und Timo Laukhardt erklärten nicht nur das Startlinienprozedere sondern mahnten auch zur Sicherheit. Neben dem obligatorischen Hinweis zur Ausweichpflicht gegenüber der Großschifffahrt wurden auch Revierbesonderheiten noch einmal thematisiert. Eine nützliche Information für Revierneulinge, die nicht die Grund-und-Boden-Erfahrung einer Tempest-Crew vom Vortag machen wollten . Mit dem Blick aufs immer stürmischere Wetter gab es auch klare Ansagen zu Eventualitäten im Wettfahrtverlauf, sollte sich alles nach oberhalb einer klaren Windgrenze verschieben. Und spätestens zu Startbeginn war klar: Der Windgott war mehr als nur wach, er war sogar hochmotiviert. Bis zum Limit sollte es an diesem Tag nie sehr weit sein.
Wo ist die Startlinie – und welche ist eigentlich meine?
Für das große Teilnehmerfeld hatte das „Helferteam Wasser“ zwei Kurse betonnt: Ein Rundkurs zwischen Schierstein und Walluf (km 508-506) und ein variabler Kurs zwischen Walluf und Heidenfahrt (km 508-514). Der erste Kurs war für die extrem sportlichen Tempest- und VXone-Klassen (die bei auch bei Schwachwind noch sicher gegen den Strom ankommen würden) und bot die Chance zu Mehrrunden-Fahrten; der zweite Kurs für fünf weitere Startgruppen war als Rundenkurs ausgelegt, mit der Option zum Wechsel zu einer reinen Talfahrt (mit Rückkehr unter Motor nach dem Zieleinlauf) oder verschiedenen Möglichkeiten zur Bahnverkürzung. Regattaleitung, die Besatzungen der vier Start- und Zielschiffe, sowie der Begleit- und Sicherungsboote standen auf fast allen elektronischen Kanälen permanent im Austausch, um mit Blick auf Windstärken und der Situation im Regattafeld immer reaktionsfähig zu sein.
Reaktionsstärke wurde aber auch den segelnden Crews abverlangt: Obwohl die fünf Klassen jeweils mit fünf Minuten Abstand starten würden, wurde es rund um die Startlinie wuselig. Niemand wollte zu weit talwärts sein, niemand sollte zu weit bergaufwärts (am anderen Kurs sein) und niemand sollte und wollte im Weg sein, wenn sich (die über Funk vorgewarnten) Frachter durch das Feld schoben. Davon gab es diesmal tatsächlich sehr viele auf einmal, es muss ein sehr arbeitsreicher Samstag für die Dickschiff-Kapitäne gewesen sein. Vielleicht wollten sie aber auch alle nur rechtzeitig zum Start den besten Blick auf die Segelboote erhaschen. In dieser Größenordnung war das nämlich ein alles andere als üblicher Anblick, selbst an den Segelboot-gewohnten Ufern des Rheingaus. Auch dort war es voll: trotz des unsicheres und des immer wieder von Regengüssen durchzogenen Wetters war an den Promenaden in Budenheim, Walluf und Eltville viel Betrieb.
Wo sind die Startsignale — und welches ist meins?
Im Rheingau ist der Fluss besonders breit, das ist schön zum Segeln, aber auch richtig blöde, wenn man Startflaggen am fernen Ufer sehen will. Also: wachsamer Blick ans Ufer und gleichzeitig noch viel wachsamerer Blick auf die unmittelbare Umgebung, denn da ziehen noch viele andere Gleichgesinnte ihre Kringel. Was machen die eigentlich alle hier, haben die kein Zuhause? Und warum müssen Sie ausgerechnet in diesem Moment in meinen Kurs fahren? Und woher fällt der Wind noch gleich in welches Segel? Schließlich ist korrektes Ausweichen angesagt, auch wenn fünf Windstärken mächtig Druck in Segel und Schoten machen. Dazu kommt natürlich noch die taktische Komponente: wie komme ich in die vorteilhafte Startposition an der Wallufer Seite (Wind von Steuerbord!!!) und wie lange dauert es dorthin? Und welchen Manöverraum werde ich dort haben?
Den Anfang machten flotte „Rüsselboote“ wie J/70, J/80, Corsa 915, X-99. Darunter auch ein ominöses Boot mit bayrischen Rauten auf dem Rumpf und Bierglas im Segel. Auf was für Ideen manche so kommen… Mit einer harten Kreuz gegen den Wind und viiiiiiiieeeeeeeel Schräglage und noch mehr Speed ging es zu Tal. Gleich darauf waren die Revierspezialisten vom Typ Karavel dran. Wer einmal diese schlanken Schärenkreuter auf dem Wasser erlebt hat, weiß: es geht immer noch ein bisschen mehr Krängung! Schließlich will die Fußreling gut überspült werden. Das soll Glück bringen!
Wie vermeide ich, gebissen zu werden?
Als H-Boot und Konsorten weg waren, zog sich das Seglerfeld schon weit auseinander. Trotzdem ging es im Wallufer Wasser immer noch heiß her. Denn der Rhein zeigte sich diesmal als massiv Haifisch-verseuchtes Gewässer. Als stärkste Startgruppe stellten die im Revier weitverbreiteten Shark 24 insgesamt 14 Schiffe. Und deren Skipper schenkten sich nichts. Gar nichts! Manch einer verzichtete auf das windtechnisch dringend angeratene Reff oder die kleine Fock zugunsten der großen Genoa (die richtig große!). Bloss keinen Tropfen Wind verpassen, war das Motto bei Hailight, HaiLightning, HaiFive, HaiEnd und co. Wahrscheinlich gibt es keine andere Bootsklasse dieser Welt, die so viele wilde Wortspiele mit dem Bootsnamen macht. Bissigkeit verpflichtet!
Nicht minder mutig ging es in der letzten Startklasse zu. Da waren viele kleinere Jollen (BM, Pirat. Zugvögel u.a.) zugange, deren Crews bei den herrschenden Bedingungen bewundernswerte Leistungen vollbringen mussten, gelegentliche Kenterung inklusive. Zwar weiß der gewöhnliche Jollensegler, wie er sein Boot wieder aufrichtet, einsteigt und ungerührt weiter segelt, aber das hielt diverse Ufergäste nicht davon ab, mal schnell den Notruf zu wählen („Da ist ein Mensch von einem Mini-Boot ins Wasser gefallen – kommen Sie schnell!“). Zum Glück funktionierte der heiße Draht von der WaPo zum auf dem Jetski durchs Feld pflügenden Regattachef reibungslos und dieser konnte beruhigen: „Die kennen das, die können das, die lieben das!“. Und für den Notfall waren zahlreiche Begleitboote mit PS-starken Aussenbordern im Einsatz, um helfen, retten und abschleppen zu können. Zum Glück, war weniger zu tun, als im Vorfeld befürchtet und so konnten sich alle auf die wichtigste Frage konzentrieren:
Was macht der viele Wind hier und warum hat er so viele Richtungen?
Die erste Wettfahrt war geprägt von starken und zudem extrem böigen Wind, der besonders an den neuralgischem Punkten (z.B. im „Bermudadreieck“ vor Eltville) immer wieder leicht die Richtung veränderte. Das erforderte vollste Konzentration an der Pinne, um hart an der Windkante zu steuern, aber auch gute Taktik, um nicht in einer kleinen Landabdeckung (auch wEltville) auch nur einen Hauch zu verlieren. Harte Arbeit, seglerisches Handwerk und der Kampf mit den Elementen prägten Durchgang eins. Die Zielgerade bis tief hinter die Mariannenaue wurde lang, dafür gab es auf der (nicht gezeiteten) Rückfahrt die ideale Gelegenheit, auf Vorwindkurs den Spi zu testen — wenn man sich das bei den Bedingungen überhaupt noch traute.
In Rekordzeit ging es zurück zum Clubhaus, wo die „im Kreisfahrer“ vom anderen Kurs schon warteten (auch hier war es nicht ohne intensiveren Wasserkontakt zugegangen). Nach einer kurzen Mittagspause ging es erneut aufs Wasser für Runde zwei. Diesmal starteten alle zu Tal, für die erste Gesamtwettfahrt um das „Blaue“ und „Blassblaue Band“ der Rheinwoche. Das Prozedere inklusive Wusel am Start war das gleiche, der Wind hatte nicht abgenommen und am Horizont vor Rüdesheim zeigte sich das „Dunkelgraue Band“. Die Fahrt war wild, die Rückfahrt eilig und die letzten, die zurück am Clubhaussteg anlegten, kamen dann in den Genuss eines besonders plötzlichen, intensiven und kalten Frühsommer-Platzregens.
Wo gibts was zu Essen und geht’s zur Party?
Vor dem SCR-Clubhaus war dann „Hai-Life“ für alle angesagt. Foodtrucks, Pizza-, Wein-, Bier- und Getränkestände ergänzen die Clubhausgastronomie, und viele helfende Hände hatten alle Hände voll zu tun. Dazu gab es Musik und zwischendurch eine erste launischer SonderpreisVerteilung an: Die am weitesten angereiste Crew (Newcastle — die gleichzeitig bei den beiden Tageswettfahrten nicht ins Ziel kam…), die Crew mit der meisten Rheinwochen-Erfahrung (seit irgendwann im letzten Jahrtausend), die einzige reine Frauencrew (rund um Hannemarie Holland), die Kölner (die im Gegenzug für ihr mitgebrachtes Kölsch mit einem Rieslingfässchen bedacht wurden), für Helge von der Linden (der die Regattagemeinschaft Rhein zu den nächsten 100 Rheinwochen führen wird), und für viele weitere… Dazu jeweils ein kleineres und größeres Fläschchen Schloss VAUX Sekt und für die, die auf dem Wasserweg angereist waren auch mal ‘ne Buddel Selters-Wasser. (Danke an die Spender! Und an die Rheingauer Volksbank und an alle anderen Sponsoren (siehe Bild in der Slideshow oben…)
Außerdem hatte ein SCR-Team rund um Katrin Mehl in mühevoller Handarbeit schon über den Winter für jedes Schiff ein einmaliges Unikat vorbereitet. das es jetzt zu verteilen gab: Handgenähte Taschen aus alten Segeln, für den Chef-Sharkie sogar einen mit einem echten Weißen Hai (ok, das verwendete Klassenzeichen war schwarz, aber das klingt natürlich nur halb so gut…) Und das war nur die eine Hälfte des Abends. Wer dabei war, wird sich noch an viel mehr erinnern…
Die Musik wurde lauter und diejenige, die sich an Bord noch nicht genug verausgabt hatten, schwangen Tanzbein und Stimmband. Wer sich dagegen in Richtung Rhein drehte, sah eine stimmungsvoll beleuchteten Steg und das Wimpel- und Lichterkettenspiel am Wallufer „Großsegler Klattina“ (der leider nicht mitsegeln konnte, weil Klaus und Bettina unbedingt auf ihrer Jolle nass werden wollte…. Sachen gibts!). Dahinter stand der fast volle Mond hoch am Himmel, als Vorbote der Ereignisse des kommenden Tages…
(P.S.: Eine erste tolle Auswahl an Bildern gibt es hier. Weitere folgen demnächst auf unserer Website.)